{"id":12,"date":"2011-01-18T00:02:03","date_gmt":"2011-01-17T23:02:03","guid":{"rendered":"http:\/\/berengi.de\/wpb\/?p=12"},"modified":"2011-01-18T00:02:03","modified_gmt":"2011-01-17T23:02:03","slug":"susanne-und-der-baum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.berengi.de\/wpb\/2011\/01\/susanne-und-der-baum\/","title":{"rendered":"Susanne und der Baum"},"content":{"rendered":"<p>Mittwochnachmittag, ein Tag wie jeder andere. Susanne hatte ihre kleine  Tochter auf dem Schoss als diese sie fragte wo denn der Schrank, in dem  sie ihre Kleider und die Spielsachen aufbewahren w\u00fcrde, herk\u00e4me.<br \/>\n\u201eOk, die korrekte Antwort\u201c, dachte Susanne, die sich vorgenommen hatte  ihre Kinder nach M\u00f6glichkeit nicht mit L\u00fcgen und seien sie auch noch so  klein, gro\u00dfzuziehen, \u201ew\u00e4re aus dem M\u00f6belhaus in der Bielefelder Stra\u00dfe\u201c.  Aber das w\u00fcrde eine Unzahl an Folgefrage nach sich ziehen, da war sie  sich ganz sicher. Nicole, ihre Tochter, war zwar klein, aber aufgeweckt  und voller Wissensdrang. Manchmal, so schien es, wollte der Fluss ihrer  bohrenden Fragen gar nicht mehr versiegen. Und so holte Susanne einmal  kurz Luft und erz\u00e4hlte ihrer Tochter die Geschichte vom Baum:<br \/>\n\u201eEin kleiner Rabe hat vor vielen, vielen Jahren zwei Eicheln im Wald  gefunden. Diese nahm er mit um sie sp\u00e4ter in ruhe verspeisen zu k\u00f6nnen.  Und w\u00e4hrend er mit den beiden Eicheln zwischen seinen Krallen so \u00fcber  das Land flog, kam ein pl\u00f6tzlicher Windsto\u00df und er musste kurz  gegensteuern. Dabei verlor er eine der Eicheln. Er sah der Eiche nach  wie sie schnell am Waldrand zu Boden viel. Und weil dort das Gras so  hoch und die B\u00fcsche so dicht waren unterlie\u00df er es nach ihr zu suchen.  Eine Eichel, so dachte er sich, ist besser als keine Eichel zum  Fr\u00fchst\u00fcck und flog zu seinem Schlafbaum. Wo er die \u00fcbrig gebliebene  Eichel kurz darauf gen\u00fcsslich verspeiste.<br \/>\nDie heruntergefallene Eichel aber landet sanft im feuchten Gras und blieb versteckt unter einem gro\u00dfen Blatt liegen.<br \/>\nEinige Tage sp\u00e4ter fing die Eichel zu keimen an. Durch die warme Sonne  und den feuchten Morgentau war sie zum Leben erwacht und aus ihr wuchs  ein neuer, noch klitzekleiner Eichenbaum. Nicht gr\u00f6\u00dfer als dein kleiner  Finger.\u201c<br \/>\nNicole schaute l\u00e4chelnd auf ihren kleinen Finger, wackelte erfreut damit und lauschte dann weiter den Worten ihrer Mutter.<br \/>\n\u201eUnd der kleine Eichenbaum hatte Gl\u00fcck, kein gro\u00dfes Tier hat ihn  versehentlich platt getrampelt und kein hungriges Schaf hat ihn  gefressen. So wurde er langsam gr\u00f6\u00dfer, erst nur wenige Zentimeter doch  nach einigen Jahren war er schon fast einen Meter hoch. Und er war nicht  der einzige kleine Baum. Um ihn herum wuchsen weitere, neue B\u00e4ume  heran. Buchen, Birken und auch eine kleine Kiefer. Wenn der Wind \u00fcber  das Land strich dann wiegten sich die kleinen B\u00e4ume, die schnell Freunde  wurden, sanft im Wind. Und wenn der Sturm \u00fcber die Berge peitschte dann  bogen sich so sehr das ihre Spitzen fast den Boden ber\u00fchrten, aber  keinen von ihnen brach ab. Denn sie waren jung und flexibel. Nur ein  b\u00f6ses Kind, das hat einmal einen kleinen Baum abgebrochen um dann damit  die anderen Kinder zu hauen. Da waren seine Baumfreunde recht traurig.<br \/>\nUnd so wurden die kleinen B\u00e4ume schnell gr\u00f6\u00dfer. Meter um Meter wuchsen  sie. Im Winter bog der Schnee ihre \u00c4ste nach unten, im Fr\u00fchjahr und  Herbst lies der Sturm sie hin und her schwanken und jeden Sommer worden  sie noch gr\u00fcner und sch\u00f6ner. Zu ihren F\u00fc\u00dfen spielten viele Kinder und  manchmal wurde die B\u00e4ume von ganz mutigen Kindern auch beklettert. Wenn  die Kinder in der Schule waren, dann hoppelten die Hasen zwischen ihren  Wurzeln herum, Rehe schritten langsam, oder manchmal auch ganz schnell  zwischen ihnen hindurch und V\u00f6gel bauten jeden Fr\u00fchling Nester in ihren  Zweigen um darin ihre Jungen gro\u00dfzuziehen. So verging Jahr um Jahr und  die Eiche wurde gro\u00df und stattlich. Bis sie endlich nach langer, langer  Zeit reif war und vom F\u00f6rster Putlich, der in einem kleinen Haus nicht  weit entfernt vom Waldrand wohnte, gef\u00e4llt wurde. Im S\u00e4gewerk wurden  dann Bretter aus der Eiche ges\u00e4gt und der Tischler hat uns dann diesen  Schrank daraus gebaut.<br \/>\nUnd\u201c, sagte sie zu ihrer Tochter, \u201ewenn du manchmal deine Ohren ganz  doll spitzt und sie an das Holz legst, kannst du noch das vergangene  Rauschen des Windes in den \u00c4sten h\u00f6ren.\u201c Sofort sprang die kleine Nicole  von den Knien ihrer Mutter und rannte zu ihrem Schrank um ihr zartes  \u00d6hrchen gegen das M\u00f6belst\u00fcck zu pressen. Mit geschlossenen Augen  lauschte sie einen Moment und zog dann die Luft durch die Nase ein als  wolle sie Schnuppern. \u201egeh\u00f6rt habe ich nichts Mama, aber ich kann noch  den Wald riechen. Und die vielen kleinen Hasen die einmal unter meinem  Schrank gespielt haben. Nat\u00fcrlich als er noch ein Eichenbaum war\u201c,  verbesserte sie sich schnell.<br \/>\nUnd so verging der Tag und es kam die Nacht.<\/p>\n<p>Susanne lag im Bett und konnte nicht schlafen. Das konnte sie noch nie  wenn sie unzufrieden mit sich selber war. Sie hatte ihrer Tochter eine  Geschichte, ein M\u00e4rchen erz\u00e4hlt, als diese nach der Wahrheit fragte.  Aber was ist die Wahrheit? Und was ist das f\u00fcr eine Wahrheit in der  B\u00e4ume von Forstwirten in Uniform gepflanzt werden. In Reih und Glied,  mit ausreichendem Abstand. Umgeben von einem Metalldraht der sie vor dem  Verbiss durch das Wild sch\u00fctzen soll. Wild das wohl nur darum noch im  Wald geduldet wird damit die Hobbyj\u00e4ger etwas zum abknallen haben. Und  was ist das f\u00fcr eine Realit\u00e4t in der der Eichenbaum eigentlich eine  schnell wachsende Fichte ist. Industrieholz. Die maschinell von einem  Unget\u00fcm aus Stahl gef\u00e4llt und zerlegt wird. Kein F\u00f6rster sch\u00e4rft mehr  seine Axt im Wald.<br \/>\nUnd wie soll sie ihrer Tochter erkl\u00e4ren, dass der Baum, oder vielmehr  sein Stamm, anschlie\u00dfend mit nach \u00d6l stinkenden Lastwagen in eine Fabrik  transportiert wird um dort zu S\u00e4gesp\u00e4nen zerh\u00e4ckselt, mit viel Chemie  und Leim zu immer gleichen Spanplatten gepresst zu werden?<br \/>\nSoll sie ihrer Tochter wirklich sagen, dass diese Spanplatten dann in  einer gesichtlosen Fabrik von  missmutigen Arbeitern am Flie\u00dfband zu  einem Normschrank zurecht ges\u00e4gt und montiert werden. Einem wackeligen  Normschrank den man in jedem mittelm\u00e4\u00dfigen M\u00f6belhaus f\u00fcr kleines Geld  kaufen kann.<br \/>\nSusanne sp\u00fcrte wie ihr langsam die warmen Tr\u00e4nen \u00fcber die Wangen rannen.  Warum kann nicht einmal das M\u00e4rchen \u00fcber die verdammte Realit\u00e4t siegen?<\/p>\n<p><em>Sommer 2008<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mittwochnachmittag, ein Tag wie jeder andere. 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