{"id":10,"date":"2011-01-18T00:00:31","date_gmt":"2011-01-17T23:00:31","guid":{"rendered":"http:\/\/berengi.de\/wpb\/?p=10"},"modified":"2011-01-18T00:00:31","modified_gmt":"2011-01-17T23:00:31","slug":"die-zuckerfee","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.berengi.de\/wpb\/2011\/01\/die-zuckerfee\/","title":{"rendered":"Die Zuckerfee"},"content":{"rendered":"<p>Ich weiss, es kann sich heute niemand mehr so richtig vorstellen, aber Zucker ist eine recht neue Erfindung. Und fr\u00fcher mussten die Kinder auf dieses s\u00fc\u00dfe Erlebnis oft verzichten. Denn der Honig war teuer und die meisten Menschen waren arm. Aber es gab noch eine andere M\u00f6glichkeit seine Mahlzeit zu vers\u00fc\u00dfen, jedenfalls f\u00fcr die Kinder. Und davon soll diese kleine Geschichte handeln.<\/p>\n<p>Wenn man durch die Bauernd\u00f6rfer zog konnte man oft die Kinder h\u00f6ren, wie sie ihre Eltern anbettelten. &#8222;Bitte, nur einen kleinen L\u00f6ffel Honig in die Suppe, sie schmeckt so fad. &#8220; Und wenn man gute Ohren besa\u00df konnte man das leise Schluchzen der Mutter h\u00f6ren bevor sie antwortete. &#8222;Mein Liebling, h\u00e4tte ich Honig. Ich w\u00fcrd&#8216; ihn dir geben. Doch sieh, wir sind nur arme Bauersleut. Und der Nektar der Blumen ist zu teuer f\u00fcr uns.&#8220; Und das war wohl wahr. Und so a\u00dfen sie Abend f\u00fcr Abend ihr karges S\u00fcppchen ohne zu murren. Doch nach dem Mahl, wenn die gesamte Familie am Kamin sa\u00df in dem knisternden das Feuerholz brannte. Die Gro\u00dfmutter mit der Handarbeit besch\u00e4ftigt, der Vater den gro\u00dfen Hund streichelnd, dann erz\u00e4hlte die Mutter oft die Geschichte von der Zuckerfee:<br \/>\nDie Zuckerfee ist ein zartes Wesen das im fernen Zauberwalde in einem alten Baum wohnt. Und wie alle Feen und Zauberwesen ist sie f\u00fcr die Menschen unsichtbar. Nur Babies und ganz kleine Kinder k\u00f6nnen sie sehen. Doch sicher weiss das niemand, aber warum sonst schauen sich kleine Kinder nach Dingen um die niemand anders sieht ? Am Tage verl\u00e4\u00dft die Zuckerfee ihren Wald und fliegt in die D\u00f6rfer der Menschen. Um die Menschenkinder zu beobachten. Sie h\u00e4lt Ausschau nach den lieben Kindern, nach solchen die den Worten ihrer Eltern folgen. Die artig sind und sauber. Und solchen vers\u00fc\u00dfte sie dann mit ihrer Magie die Suppe. Sie selbst bleibt dabei ungesehen, kein Mensch kennt sie. Und doch erfreut sie sich an dem freudigen L\u00e4cheln der Kleinen, wenn sie ihre Suppe kosten. Jedesmal wollt&#8216; ihr Herz vor Freude zerspringen. Das Lachen der Kinder war ihr Leben.<br \/>\nUnd es entsprach der Wahrheit. So stimmten alle, nachdem die Mutter mit ihrer Geschichte geendet hatte, \u00fcberein. An manchen Tagen war die Suppe wirklich s\u00fc\u00dfer. Alle konnten das beschw\u00f6ren, schon die Gro\u00dfmutter hatte es so erlebt. Und ihre Gro\u00dfmutter ebenfalls.<br \/>\nSo, oder so \u00e4hnlich erz\u00e4hlten fast alle M\u00fctter ihren Kindern die Geschichte der Zuckerfee. Und deren Kinder dann wieder ihren Kindern. Und alle glaubten fest daran. Die Zuckerfee schwebte manchmal daneben, ungesehen, und h\u00f6rte sich l\u00e4chelnd die Geschichte an. Bevor sie zur\u00fcck kehrte, in den dunklen Wald zu ihrem Baum. Manchmal in der Nacht sa\u00df sie einfach so da und betrachtete den Mond der sich in dem klaren See spiegelte. Er erinnerte sie an den freudigen Glanz der gro\u00dfen Kinderaugen.<\/p>\n<p>Die Welt wurde \u00e4lter und \u00e4nderte sich. Maschinen kamen auf. Riesige, rauchende Monster, die alles frassen. Der Wald wurde d\u00fcnner. Feuerholz f\u00fcr die Maschinen. Und dann wurde der Zucker erfunden. Erst aus Zuckerrohr, dann aus den billigen R\u00fcben. Jeder konnte sich nun seine Suppe selbst vers\u00fc\u00dfen. F\u00fcr ein paar Pfennige gab es ihn \u00fcberall, den s\u00fc\u00dfen Traum.<br \/>\nVon heute auf Morgen war das Leben der Zuckerfee ohne Sinn. Kein Kind lachte mehr freudig wenn sie ihm das Essen vers\u00fc\u00dfte. Denn jedes Essen ward nun s\u00fc\u00df. Die arme Fee wurde krank. Sie zog sich zur\u00fcck in ihren Baum. Sie blickte Nachts nicht mehr auf den See. Zu schwer lag die Erinnerung in den Bildern die sich an seiner Oberfl\u00e4che spiegelten. Sie wollte sich verkriechen und sterben. Doch starb sie nicht. Sie war wie alle Zauberwesen zur Unendlichkeit verdammt. Die meisten anderen Elfen, Feen und auch schon fast alle Gnome waren verschwunden. Sie hatten das Weite gesucht. Diese Welt brauchte sie nicht mehr. Doch die kleine Zuckerfee war zu schwach zum fl\u00fcchten.<br \/>\nDoch als eines Tages auch ihr Baum gef\u00e4llt wurde, machte sie sich auf den Weg. Doch wo sollte sie hin. Eine Ewigkeit hatte sie die Kinder erfreut. Sie zu netten Menschen gemacht, mit ihrer Magie. Und jetzt ? Niemand schien sie mehr zu brauchen. Mit tr\u00fcben Gedanken wandelte sie durch die Welt der Menschen. Auf der Suche nach einem Fleckchen Erde wo es so war, wie es einst gewesen. Wo sie gl\u00fccklich sein konnte. Doch diesen Flecken Erde gab es nicht. Nichts war wie es einmal gewesen. Die Zeiten hatten sich ge\u00e4ndert, endg\u00fcltig.<br \/>\nDie Zuckerfee hatte sich in einen kleinen Wald zur\u00fcck gezogen. Hier wohnte sie nun schon seit etlichen Jahren, oder noch l\u00e4nger? Ich wei\u00df es nicht genau. Ihr Haar war stumpf geworden und ihre Fl\u00fcgel mochten sie nicht mehr so recht tragen, so kraftlos waren sie.<br \/>\nDoch eines Sommertags sollte sich alles \u00e4ndern. Als sie mutlos und ohne Ziel durch ihr kleines W\u00e4ldchen schlenderte h\u00f6rte sie ein Seufzen. Neugierig folgte sie dem traurigen Klang. Und schon bald fand sie einen J\u00fcngling der es sich im weichen Gras gem\u00fctlich gemacht hatte. Traurig schaute er in den Himmel und sprach zu sich selbst: &#8222;Mein Liebchen, noch drei lange Wochen und wir sehen uns wieder. Doch wie soll ich diese lange Zeit ertragen ? Sie fehlt mir so. K\u00f6nnte ich doch ihren zuckers\u00fc\u00dfen Ku\u00df auf meinen Lippen noch schmecken.&#8220; Die Zuckerfee lehnte an einem Baum und h\u00f6rte dem J\u00fcngling bei seinem Selbstgespr\u00e4ch zu. Nachdenklich sah sie ihn an. Er schloss seine Augen und schlief in der warmen Sonne und auf dem weichen Moos ein. Langsam, ganz behutsam n\u00e4herte sich die Zuckerfee dem Schl\u00e4fer und hauchte ihm sanft einen Kuss auf die roten Lippen. Sogleich erwachte er. &#8222;War wohl nur ein Traum das meine Marie mich k\u00fcsste, schade&#8220;, so dachte er verwirrt. Er fuhr sich mit der Zunge \u00fcber die Lippen und stockte. &#8222;Aber ich schmecke doch ganz deutlich ihren s\u00fc\u00dfen Ku\u00df. Wie kann es dann ein Traum gewesen sein ?&#8220;, rief er freudig aus. L\u00e4chelnd schlich sich die Zuckerfee davon.<\/p>\n<p>Und deshalb denkt dran, wenn ihr euren liebsten Menschen vermisst. Und erwacht von einem Ku\u00df. Dann k\u00f6nnte das die Zuckerfee gewesen sein, die euch das Warten vers\u00fc\u00dfen wollte. Einige Menschen wollen sogar noch den Luftzug ihrer Fl\u00fcgel gesp\u00fcrt haben. Doch das ist nur ein Ger\u00fccht.<\/p>\n<p>Und weil niemand mehr die Geschichte erz\u00e4hlen wollte, tat ich es. In der Hoffnung das ihr sie weiter erz\u00e4hlt. Auf das sie einmal l\u00e4chelnd neben euch sitzt, w\u00e4hrend ihr sie erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p><em>Dedicated to Nadja, Sp\u00e4tsommer 1999<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich weiss, es kann sich heute niemand mehr so richtig vorstellen, aber Zucker ist eine recht neue Erfindung. Und fr\u00fcher mussten die Kinder auf dieses s\u00fc\u00dfe Erlebnis oft verzichten. Denn der Honig war teuer und die meisten Menschen waren arm. Aber es gab noch eine andere M\u00f6glichkeit seine Mahlzeit zu vers\u00fc\u00dfen, jedenfalls f\u00fcr die Kinder. 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